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aufstiegs-
gewässer

Verbindung von Lebensraum und Durchgängigkeit – Fischaufstiegsgewässer: Wandern oder doch lieber laichen?

Ein Fischaufstiegsgewässer setzt einer Fischtreppe die Krone auf, denn es ermöglicht Fischen den Aufstieg und dient gleichzeitig als neuer Lebensraum. Bis es so weit ist, benötigt es neben Reißbrett und Bagger einen langen Atem.

Wie ein Seitenarm des Rheins fließt ein Fluss am Wasserkraftwerk Rheinfelden vorbei. Zwischen den Kiesinseln, Stromschnellen und Rinnen schwimmen Enten und in den Bäumen und Sträuchern zwitschern Vögel. Fast könnte man vergessen, dass das naturnahe Aufstiegs- und Laichgewässer das Werk von Ingenieuren und Baggern ist. Es ist seit März 2012 in Betrieb und leistet einen wesentlichen Beitrag für die Fischdurchgängigkeit. Das Fischaufstiegsgewässer ist Kern der ökologischen Aufwertungsmaßnahmen, die den Eingriff in die Natur durch den Bau des neuen Wasserkraftwerks kompensieren. Mit einer Länge von ca. 900 Metern und einer Breite von ca. 60 Metern ist das Fließgewässer eines der größten seiner Art. Es verbindet die Lebensräume unter- und oberhalb des Kraftwerks. Fischpässe am deutschen und am Schweizer Ufer vernetzen den Lebensraum zusätzlich. Das Vier-Millionen-Euro-Projekt gilt als Vorzeigemodell für Gewässerökologie im Zusammenhang mit Wasserkraftnutzung.

Schöpfung im Hallenformat

Ein „Verbindungsgewässer“ zu schaffen, war damals etwas Neues. Da es kein vergleichbares Projekt oder ein Lehrbuch gab, ging dem Projekt umfangreiche Forschungsarbeit voraus. Mehr als zwei Jahre tüftelten Wasserbauingenieure an der Universität Karlsruhe am Fischaufstiegsgewässer anhand von Modellversuchen. Schon das Modell war von beachtlicher Größe: Es hatte eine Länge von rund 60 Metern und war etwa acht Meter breit. Als Vorbild für das Fließgewässer diente der obere Abschnitt des sogenannten Restrheins zwischen Märkt und Breisach, wo Barben und Nasen laichen. Die dortigen Strukturen, also Stromschnellen, unterschiedliche Fließgeschwindigkeiten und Wassertiefen, wurden in einem Modell im Maßstab 1:22 nachgebaut. Wichtig waren dabei vor allem der Einlauf- sowie der Mündungsbereich mit der Leitströmung. Das Besondere in Rheinfelden ist, dass erstmals ein Lebensraum mit einem Fischweg kombiniert wurde. Genau in dieser Verbindung liegt auch die Schwierigkeit, die es in vielen hydraulischen Versuchen auszutarieren galt. Die Experten mussten sowohl für wanderwillige als auch für laichbereite Fische geeignete Bedingungen finden.

Großbaustelle für die Natur

Um der Natur näher zu kommen, war zunächst eine Flotte Bagger und Muldenkipper unermüdlich im Einsatz. Energiedienst hatte 2010 begonnen, den alten Kraftwerkskanal für das Aufstiegs- und Laichgewässer umzustrukturieren. Dafür mussten die Bauarbeiter rund 220.000 Kubikmeter Gesteinsmasse bewegen. Als Füllmaterial diente Aushubmaterial, das beim Neubauprojekt anfiel. Anschließend modellierten Wasserbauspezialisten die verschiedenen Bereiche. Zum Beispiel wurden Gesteinsformationen für den Mündungsbereich gesetzt. Die Steine wiegen zwischen sechs und neun Tonnen. Sie mussten zentimetergenau gesetzt werden, damit das Fischaufstiegsgewässer seinen Zweck erfüllt. Dank einer Leitströmung die durch eine speziell angelegte Schussrinne erzeugt wird, finden die Fische den Einstieg in die Mündungsrampe und können die Staustufe mit einer Höhendifferenz von neun Metern überwinden. Außerdem wurden strömungsberuhigte Bereiche gestaltet, die Fischen als Laich- und Ruhezonen dienen. Im März 2012 ging das Aufstiegs- und Laichgewässer mit der Flutung in Betrieb.

 

Aufstiegs- und Laich-
gewässer in Zahlen

Bauzeit:2010-2012
Kosten:4 Mio. Euro
Länge:900 Meter
Breite:60 Meter
Höhendifferenz:9,1 Meter

Verarbeitetes Material:

220.000 Kubikmeter Gesteinsmasse, 11.000 Kubikmeter Kies und 9.000 Kubikmeter Blocksteine
Anzahl Kiesschnellen:12
Aufgestiegene Fische:35.000 (2012/2013)
Aufgestiegene Fischarten:34

So gut wie das Original

Das Fischaufstiegs- und Laichgewässer kommt einem natürlichen Schwarzwaldfluss nahe. Von diesem strukturreichen Lebensraum mit Stromschnellen, Rinnen und Kiesinseln profitieren Fischarten wie Nasen, Barben, Forellen und Äschen ebenso wie Krebse und andere wassergebundene Lebewesen. Je nach Jahreszeit wird der Abfluss reguliert, damit wandernde und laichende Fische möglichst natürliche Bedingungen vorfinden. Über die neuen Schütze am Einlauf lässt sich auch ein Hochwasser simulieren. Das ist ein- bis zweimal pro Jahr notwendig, um die Steine durchzuspülen und von Sedimenten zu befreien.

Mustergültige Bilanz

Ökologen und Fischereiexperten waren gespannt, ob die Aufstiegshilfe ihren Zweck erfüllt oder doch nachgebessert werden muss. Das Monitoring begann, gleich nachdem das Fischaufstiegs- und Laichgewässer in Betrieb ging. Ein Jahr lang zählten Mitglieder der ortsansässigen Fischereivereine die aufgestiegenen Fische. Die Gesamtbilanz ist beeindruckend: Über 40.000 Fische sind am Wasserkraftwerk Rheinfelden aufgestiegen. Für ihre Wanderung bevorzugten die Fische das Fischaufstiegsgewässer. Rund sechsmal mehr Fische nutzen es für den Aufstieg im Vergleich zum Fischpass auf der Schweizer Rheinuferseite. Ein besonderer Grund zur Freude ist aber die Vielzahl der aufgestiegenen Fischarten: immerhin 35. Alle am Hochrhein vorkommenden Fische waren vertreten, auch seltenere Arten wie zum Beispiel Nasen, Äschen, Schneider, Felchen und Bitterlinge. Dieses hervorragende Ergebnis krönte der Besuch zweier außergewöhnlicher Gäste: Erstmals seit den 50er Jahren registrierten Fischereiexperten zwei Lachse in Rheinfelden. Angesichts der erfolgreichen Gesamtbilanz bewertete das Fachbüro für Fischerei- und Umweltbiologie Aquarius die Fischaufstiegsmöglichkeiten in Rheinfelden mit „sehr gut“.

Noch eine Überraschung

Ökologie- und Fischereiexperten waren erstaunt, dass die Fische für den Aufstieg das Fischaufstiegsgewässer bevorzugen. Da die Hauptströmung zum Fischpass auf der Schweizer Seite führt, gingen sie davon aus, dass die Fische hier verstärkt aufsteigen würden. Doch die Natur folgt ihren eigenen Gesetzen. Mit dem Fischaufstiegsgewässer ist es gelungen, allen Fischen, insbesondere auch den Kleinfischarten, die Passage zu ermöglichen. Somit haben sich die naturnahe Ausgestaltung und die Einstiegsmöglichkeiten in der Praxis bewährt.